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Vorlesung Prof. Dr. Birte Kleine-Benne:
Eine Kunst der Komplexität



Donnerstag, 12 bis 14 Uhr
Beginn: 19.4.2012
Ludwig-Maximilians-Universität München, Geschw.-Scholl-Pl. 1 (A), A 214



Wie sähen künstlerische Arbeiten aus, wenn sie, wie Bourriaud vorschlägt, "nicht mehr Gemälde, Skulpturen, Installationen [sind] - Bezeichnungen, die den Kategorien der Meisterschaft und der Welt der Produkte entsprechen"? Mit welchen Begriffen, Kategorien und Parametern wäre in den Theorien zu operieren, wenn es sich um "Oberflächen, Räume, Dispositive" handelte, "die sich mit Existenzstrategien verschachteln" (Bourriaud)? Können wir uns wie Foucault "eine Kultur vorstellen, in der Diskurse verbreitet oder rezipiert würden, ohne dass die Funktion Autor jemals erschiene"? Welche (z. B. sozialen oder urheberrechtlichen) Folgen wären absehbar, wenn statt von auf Distanz gehaltenen und ihres Körpers beraubten Betrachtern (O'Doherty) von selbstorganisierten und gemeinsam handelnden Sozialeinheiten (Hardt/Negri) und in der Folge von gemeinschaftlichen Bedeutungsproduktionen auszugehen ist?

Und weiter: Wie gehen wir KunstwissenschaftlerInnen mit der mediengenealogischen Annahme eines gesellschaftlichen Kulturumbruchs von der Buchdruckgesellschaft zur "nächsten Gesellschaft" (Drucker) um, eingeleitet von einer Krise der Linearität (Flusser)? Welche veränderten Modalitäten werden künftig unsere Sinnproduktionen konfigurieren - McLuhans Setzung von 1964 berücksichtigend: "All media work us over completely"? Und was werden "Bilder" wie etwa auch Theater und Architektur als sog. Einmalerfindungen der Gesellschaft (Baecker) im Rahmen des Medienumbruchs und dessen einhergehendem Sinnüberschuss (Luhmann) zu leisten in der Lage sein müssen?

Diese und andere Fragen sollen im Zusammenspiel künstlerischer Arbeiten, kunsthistorischer Theorien und anderer wissenschaftlicher Schlüsseltexte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart Thema meine Vorlesung sein.



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Ad Reinhardt, 1946, Cartoon, P.M. New York >>







Klausurtermin: 19.7.2012 (Bitte bringen Sie Ihren Lichtbildausweis mit.)
Prüfungsanmeldungen im B.A. (HF und NF) für das SoSe 2012 über LSF: 3.7.-13.07.2012:
Bitte melden Sie sich zu allen Prüfungen an, die Sie ablegen wollen (gilt auch für Referate und Hausarbeiten).
Bei der Anmeldung in den Wahlpflichtmodulen achten Sie bitte darauf, dass alle Prüfungen demselben Wahlpflichtmodul zugeordnet sind.





19.4.2012

1. Eine Kunstgeschichte der Komplexität (Kemp 1991)
2. Theoretisierung von Komplexität
3. Wissenschaftshistorisierung von Komplexität
4. Komplexität in der Kunst (etoy) und Eine Kunst der Komplexität



Für eine Kunst der nächsten Gesellschaft >>
Gesprächsreihe an 6 Donnerstagen, 19 s.t., Akademie der Künste




Wolfgang Kemp 1991: "Kontexte. Für eine Kunstgeschichte der Komplexität" Texte zur Kunst, 2. Jg./Nr. 2, S. 88-101. >>

"Die gängige Orientierungsgröße der Kunstgeschichte in Forschung und Praxis ist das Einzelwerk. Diese Größe darf jedoch nicht als gegeben gelten: sie ist vielmehr das historische Produkt von Institutionen und Medien wie Museum, Restaurierung, Denkmpalpflege, Fotografie sowie einer Reihe von Methoden, die oft nur am isolierten und auch segmentierten Objekte fündig werden (Positivismus, Formalismus, Strukturalismus)." S. 89
"Aus dem historisch bedingten Zustand der Vereinzelung und Isolierung des Kunstwerkes ist so etwas wie das erklärte Telos der Kunstproduktion und ihrer Geschichte geworden." S. 91f.
"Das Erbe des Idealismus und einer Kunstphilosophie, die das Kunstwerk nur aus dem Museum kennt, drückt aber durch ihre Grenzziehungen eine ganze Wertelehre aus." S. 92.
"[...] es geht schon [...] um einen Geburtsfehler, um dessen Behebung, zumindest um den permanenten Hinweis auf ihn bzw. die Formen seiner Verdrängung. Es geht auch um die Gewöhnung an ein anderes Denken. Die Kunstgeschichte hat, was die Umwelt-Werk-Relation angeht, immer nur Komplexität reduziert und Komplexität nicht als methodisches Problem begriffen." S. 94
Die Kunstgeschichte sei "an ihre komplexen Systeme mit dem falschen Instrumentarium bwz. mit einer zu engen Gegenstandsbestimmung herangegangen". S. 96

Methodenprogramm:
1. Kunst nicht ohne Kontext (d.h. schallfrei, kontextlos) denken
2. (existentielles) Aufeinanderangewiesensein von KW und Kontext / System und Umwelt (strukturelle Determiniertheit und Kopplung) voraussetzen
3. "So wie der Text im Kontext situiert ist, so befindet sich der Kontext auch immer im Text wieder. Die Setzung des Werkes ist immer auch Besetzung, Gegensetzung, Fortsetzung, Übersetzung des Kontextes."
4. Kontextualisierungen mit einem Ungenauigkeitsfaktor belasten: "...fühlt man sich aufgerufen, die Leere mit eigenen Mitteln zu füllen."
5. Offene, wilde und prozessuale Aspekte bedenken. Und nicht von einem Auftrag, Plan, Programm, von der Intention beirren lassen: "Unser Fach liebt intentionale Zustände..."
6. Projektionsleistungen ("Das Werk sieht seine Rezeption vor...") als Kollektivbesitz einer Kunstepoche (z.B. Wahl des Materials, der Technik, des Mediums, der Objektform, des Formats, der Innen-Aussen-Beziehung, der Positionierung im Raum) berücksichtigen



Baecker, Dirk 1994: Postheroisches Management, Berlin, S. 114:
"[...] Komplexität nicht, wie üblich, als Problem, sondern als Lösung" betrachten

brand eins 01/2006, Schwerpunkt Komplexität >>

Leitfaden zur Vermeidung von Komplexität
1. Machen Sie keine Geschäfte.
2. Reduzieren Sie Ihre Erledigungen auf null.
3. Gehen Sie nicht aus dem Haus.
4. Telefonieren Sie nicht.
5. Sprechen Sie mit niemandem.
6. Bleiben Sie im Bett.
7. Schließen Sie die Augen.
8. Hören Sie auf zu atmen.
Quelle: brand eins, 01/2006.

Fischer, Gabriele 2006: Vorsicht: Vereinfacher!, brand eins 1/2006 >>
Lau, Peter / Wilsdorff, Maren 2001: Wir, brand eins 2/2001 >>



© RTMark.com



Von der Komplexität eines Systems spricht man, wenn es
(1) eine große Anzahl von Elementen aufweist, die
(2) in einer großen Zahl von Beziehungen zueinander stehen können, die
(3) verschiedenartig sind und
(4) deren Zahl und Verschiedenartigkeit zeitlichen Schwankungen unterworfen sind.
Baecker, Dirk 1994: Postheroisches Management, Berlin, S. 113f.

"Als komplex wollen wir eine zusammenhängende Menge von Elementen bezeichnen, wenn aufgrund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität der Elemente nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft sein kann."
Luhmann, Niklas 1987: Soziale Systeme, Frankfurt/Main, S. 46







Ausgewählte historische Daten:
1892: Paradigmenwechsel Henri Poincaré
1927: Unschärferelation Werner Heisenberg
1948: Warren Weavers Differenzierung in "Problems of Simplicity", "Problems of Disorganized Complexity" und "Problems of Organized Complexity" >>
1956: William Ross Ashby Kritik an Untersuchungsmethoden >>

A History of Chaos and Complexity, Victor MacGill >>

"Die philosophischen Fundamentalentwürfe [...] [sind] an Standpunktvervielfältigungen und Komplexitätserhöhungen umwillen der Brechung des Denkstrahls und der Verhinderung jeglicher Einheitssimplifikation nicht interessiert."
"In ihnen geht es vielmehr um die Sammlung aller Weltkomplexität unter einen Grund."
Clam, Jean 2002: Was heisst, sich an Differenz statt an Identität orientieren? Zur De-ontologisierung in Philosophie und Sozialwissenschaft, Konstanz, S. 30.

"Wer [...] aus Angst vor Chaos im Nichtstun verharrt, wird von der Eigendynamik komplexer Systeme überrollt. Am Rande des Chaos ist zwar Sensibilität gefragt, aber auch Mut, Kraft und Kreativität zur Problemlösung."
Mainzer, Klaus 1999: Komplexe Systeme und Nichtlineare Dynamik in Natur und Gesellschaft, Berlin/Heidelberg, S. 26.

"Wenn man möglichst kompliziert an die Sache heranzugehen versucht, hat man schließlich immer mehr Lösungen zur Hand, als sich Probleme stellen. Das heißt, man kann wählen. Und man verfällt, wenn man Glück hat, auf kleine Lösungen, die manchmal mehr bewegen als die großen und die für andere immer ein Rätsel bleiben."
Baecker, Dirk 1994: Postheroisches Management, Berlin, S. 81.




Quelle: Mainzer, Klaus (Hg.) 1999: Komplexe Systeme und Nichtlineare Dynamik in Natur und Gesellschaft, Berlin/Heidelberg.

Kurths, Jürgen / Schwarz, Udo 2001: Nichtlineare Wissenschaften - neue Paradigmen und Konzepte >>

...eine reduzierte Komplexität muss in einer Zeit auffallen, "in der 'vernetzte Systeme' die Herausforderung von Informationstheorie und Wissenschaftssprachen sind [...]". Kemp 1991, S. 94.

Mandelbrot-Mengen >>

Ars Electronica 2006: Simplicity. The Art of Complexity >>



etoy.CORPORATION, seit 1994 >>

etoy.SHAREHOLDER >>


etoy.com/fundamentals/etoy-share.

etoy.CORPORATION HISTORY / SHARE CERTIFICATES >>

Wunderkammer etoy >>

MISSION ETERNITY >>



26.4.2012

1. Komplexität(-sforschung) als Teilbereich der Nichlinearen Wissenschaften
2. Weitere Beispiele aus der Kunst
3. Relational Aesthetics (Bourriaud 1998)
4. Die Ideologie von Autonomie und Zweckfreiheit (nach Lingner 1999)




Quelle: Courtney, Hugh 2001: 20/20 Foresight.



Deleuze, Gilles/Foucault, Michel 1977 (Hg.): Der Faden ist gerissen, Berlin.
Foucault, Michel 1977: Der Ariadnefaden ist gerissen (frz. 1969), in: Deleuze/Foucault (Hg.) 1977, S. 7-12.

Lineare Wissenschaften: Superpositionsprinzip und Prinzip der starken Kausalität
Nonlineare Wissenschaften: keine eindeutigen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge

Wulffen, Thomas 2001: Der gerissene Faden. Von der Wunderkammer zum Hypertext, Nichtlineare Techniken in der Kunst, in: Kunstforum Int., Bd. 155, Juni/Juli, S. 48-63. >>



WochenKlausur, seit 1993 >>
Projekte >>

Konkrete Interventionen als gestalterischer Eingriff und Materialbehandlung
"In den neunziger Jahren haben verschiedene kollektiv arbeitende KünstlerInnen versucht, ihrer Praxis eine direkte gesellschaftspolitische Funktion zu geben, indem sie konkrete soziale Interventionen durchführten. Aus kritischer Perspektive lässt sich feststellen, dass engagierte Kunstprojekte jedoch in den meisten Fällen nur dann von den offiziellen Ausstellungsinstitutionen zugelassen werden, wenn sie die Grenzen des rein Symbolischen und Repräsentativen nicht überschreiten oder wenn sie soziale Realitäten lediglich simulierten. Eine der Ausnahmen war 1993 die österreichische Gruppe WochenKlausur [...]." (Butin 2002, S. 178)

FAQ >>


Quelle: Kleine-Benne 2006: Kunst als Handlungsfeld, Berlin (Detail) >>



Park Fiction, 1994/1997-2005 >>

"Eines Tages werden die Wünsche die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen. [...] Sie werden dem Reich der Langeweile, der Verwaltung des Elends ein Ende bereiten."
"Es geht bei der kollektiven Wunschproduktion darum, neu zu bestimmen, was die Stadt ist, darum, ein anderes Netz über die Stadt zu legen, sich die Stadt anzueignen, überhaupt sich vorzustellen, wie es anders laufen könnte, und dann das Spiel nach anderen Regeln zu spielen." (Christoph Schäfer in: Park Fiction, Filmcollage von Margit Czenski, 1999, 60 min)

Recht auf Stadt >> und >>
Komm in die Gänge, seit 2009 >>
Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG, seit 2010 >>
Senat unterzeichnet Gängeviertel-Vertrag 09/2011 >>
Betriebsausflug nach Leipzig, 20.4.-5.5.2012 >>


Quelle: Die Stadt ist unsere Fabrik, Christoph Schäfer, 2010.


Quelle: Die Stadt ist unsere Fabrik, Christoph Schäfer, 2010.

Kube Ventura, Holger 2002: Politische Kunst Begriffe, Wien.
Projekte zwischen 1990 und 2000 mit Referenzen aus den 60er, 70er und 80er Jahren >>

"Was progressiv erscheint, ja transgressiv und radikal, dient in Wirklichkeit vielleicht den konservativen, wenn nicht reaktionären Zielsetzungen der herrschenden Minderheit."
Kwon, Miwon 1997: Public Art und städtische Identitäten, in: Müller, Christian Philipp, Kunstverein Hamburg, Kulturbehörde Hamburg (Hg.) 1997: Kunst auf Schritt und Tritt, Ausst.-Kat., Hamburg >>



Bourriaud, Nicolas 1998: L'esthétique relationelle (Relational Aesthetics), Dijon.
"Artistic activity is a game, whose forms, patterns and functions develop and evolve according to periods and social contexts; it is not an immutable essence."
"[...] an art that takes as its theoretical horizon the sphere of human interactions and its social context, rather than the assertion of an autonomous and privat symbolic space [...]"
"[...] a form of art with intersubjecitivity as its substratum."
"[...] a site that produces a specific socialbility [...]"
"[...] a state of encounter"
"[...] a machine for provoking and managing individual or collective encounters."
"[...] no longer tries to represent utopias; it is trying to construct concrete spaces [...]"
"Does it allow me to exist as I look at it or does it, on the contrary, deny my existence as a subject and does its structure refuse to consider the Other? Does the space-time suggested or described by this artwork, together with the laws that govern it, correspond to my real-life aspirations? Does it form a critique of what needs critique? If there was a corresponding space-time in reality, could I live in it?"
"[...] inspired by a concern for democracy."
"[...] the production of gestures is more important than the production of material things."



Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation, 2010.



Lingner, Michael 1999: Krise, Kritik und Transformation des Autonomiekonzepts moderner Kunst >>
Historischer Verlauf von Autonomie: Von Kant über die Romantiker hin zur Moderne (klassische Moderne, Avantgarde, Postmoderne)
"Je weiter der Autonomieverlust faktisch fortschreitet, desto rigider und raffinierter wird im Kunstsystem so operiert, als ob, losgelöst von den realen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die alte Autonomie der Kunst ungebrochen fortbestünde. So gehört es zu den unabdingbaren institutionellen Voraussetzungen, denen sich Kunst heute anpassen muss, dass sich Werke wie Schöpferinnen so präsentieren (lassen), dass sie weiter als autonom erscheinen. Wenn die entsprechenden Verleugnungs-, Verstellungs oder Verdrängungsleistungen nicht erbracht werden, ist mit der Gunst des Kunstbetriebes kaum noch zu rechnen."
3 Illusionen/Dogmen/Ideologien/idealistische Postulate, den Anschein von Werk- und Künstlerautonomie aufrechtzuerhalten:
1. Einheit des Werkes
2. Zweckfreiheit
3. Reduzierung auf die Symbolfunktion



3.5.2012

1. Formäquivalent Rhizom (Deleuze/Guattari 1977)
2. Weitere Beispiele aus der Kunst
3. Weitere Beispiele aus der Botanik: Radikant (Bourriaud 2009)
4. Erste Zusammenfassung veränderter Physiognomien von "Kunstwerken", auch in Rückbindung an das Thema der Vorlesung



"On closer inspection 'art works' turns out to be a reflexive verb before petrifying into a noun: art works."
Oosterling, Henk 2001: Kunst en publieke sfeer/ Art works. Making interesse public in: Archis. Architectuur, Stad en Beeldcultuur, 5/2001, Amsterdam, S. 69-71.

"Art is an activity consisting in producing relationships with the world with the help of signs, forms, actions and objects."
"The work of art can be approached as a form of reality, and no longer as the image of an image."
"[C]urrent art is composed of these mental entities which move like ivy, growing roots as they make their way more and more complex."
Bourriaud, Nicolas 1995 und 1996: : "Pour une esthétique relationelle I", printemps 1995, Nr. 7, S. 88-99. "Pour une esthétique relationelle II", printemps 1996, Nr. 8, S. 40-47.

"Die Welt hat ihre Hauptwurzel verloren."
Deleuze, Gilles/Guattari, Félix 1977: Rhizom, Berlin, S. 10:



AVL-Ville, Atelier van Lieshout >> , 2001


Groessere Kartenansicht



"AVL-Ville is the biggest work of art by Atelier van Lieshout to date. This free state is an agreeable mix of art environment and sanctuary, full of well-known and new works by AVL, with the special attraction that everything is fully operational. Not art to simply look at, but to live with, to live in and to live by."
AVL-Ville >>


Quelle: AVL-Ville >>

Clip-On, 1997 >>

AVL-Ville bei Google >>


Quelle: Kleine-Benne, Kunst als Handlungsfeld, 2006 >>

"[...] to create an autonomous space where everything is possible within a country that is over-regulated to an increasingly oppressive degree." >>

Human Rights Declaration, Resolution 217 A III Artikel 27 Absatz 2:
"Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen." >>



Deleuze, Gilles/Guattari, Félix 1977: Rhizom, Berlin.

"Zu n, n-1 schreiben, Schlagworte schreiben: macht Rhizom , nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! Macht nie Punkte, sondern Linien! Geschwindigkeit verwandelt den Punkt in eine Linie! Seid schnell, auch im Stillstand! Glückslinie, Hüftlinie, Fluchtlinie. Lasst keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian." (S. 41)

"Das Viele (multiple) muss man machen: nicht dadurch, dass man fortwährend übergeordnete Dimensionen hinzufügt, sondern im Gegenteil ganz schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt: jedesmal n-1 (Das Eine ist nur dann ein Teil der Vielheit, wenn es von ihr abgezogen wird). Das Einzelne abziehen, wenn eine Vielheit konstituiert wird; n-1 schreiben." (S. 10)


Bildquelle: bkb 2012, Deleuze/Guattari 1977.

1. Prinzip der Konnexion:
"Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muss mit jedem anderen verbunden werden. Ganz anders dagegen der Baum oder die Wurzel, wo ein Punkt und eine Ordnung festgesetzt werden."

2. Prinzip der Heterogenität:
"Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen."

3. Prinzip der Vielheit
"Eine Vielheit hat weder Subjekt noch Objekt; sie wird ausschliesslich durch Determinierungen, Größen und Dimensionen definiert, die nicht wachsen, ohne dass sie sich dabei gleichzeitig verändert [...]."
"Es ist nicht das Eine, das zwei wird, auch nicht das Eine, das direkt drei, vier, fünf etc. wird. Es ist weder das Viele, das vom Einen abgeleitet wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefügt wird (n+1). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen. Ohne Subjekt und Objekt bildet es lineare Vielheiten mit n Dimensionen [...], und von denen das Eine immer abgezogen wird. Eine Vielheit variiert ihre Dimensionen nicht, ohne sich selbst zu verändern und zu verwandeln."

4. Prinzip des asignifikanten Bruchs
"Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden; es wuchert entlag seinen eigenen oder anderen Linien weiter."
"Jedesmal, wenn segmentäre Linien in eine Fluchtlinie explodieren, gibt es Bruch im Rhizom, aber die Fluchtlinie ist selbst Teil des Rhizoms. Diese Linien verweisen ununterbrochen aufeinander."

5. Prinzip der Kartographie
"[...] ein Rhizom ist keinem strukturalen oder generativen Modell verpflichtet. Es kennt keine genetischen Achsen oder Tiefenstrukturen."

6. Prinzip der Dekalkomonie
"[...] man kann sie auf Mauern zeichnen, als Kunstwerk begreifen, als politische Aktion oder als Meditation konstruieren. Vielleicht ist es eines der wichtigsten Merkmale des Rhizoms, viele Eingänge zu haben."
"Eine Karte hat viele Eingänge, im Gegensatz zu einer Kopie, die immer 'auf das Gleiche' hinausläuft. Eine Karte hat mit der Performanz zu tun [...]"

"Wir sind des Baumes müde. Wir dürfen nicht mehr an die Bäume glauben, an große und kleine Wurzeln, wir haben genug darunter gelitten. Die ganze Baumkultur ist auf ihnen errichtet, von der Biologie bis zur Linguistik. Nur unterirdische Sprösslinge und Luftwurzeln, Wildwuchs und das Rhizom sind schön, politisch und verlieben sich."



Rhizome, seit 1996 >>
about >>



Bourriaud, Nicolas 2009: Radikant, Berlin.
"eine radikante Kunst - ein Epitheton, das einen Organismus bezeichnet, der seine Wurzeln sprießen lässt und sie im Laufe seines Wachstums nach und nach vermehrt." (21)
"Radikant sein: seine Wurzeln in heterogenen Kontexten und Formaten in Szene setzen und auf den Weg bringen; ihnen das Vermögen absprechen, unsere Identität vollständig zu definieren [...]" (21)
"Das Individuum zu Beginn des 21. Jahrhunderts erinnert an jene Pflanzen, die nicht aus einer einzigen Wurzel heraus wachsen, sondern sich in allen Richtungen auf den Oberflächen ausbreiten, die sich ihnen bieten, indem sie sich mit zahlreichen Häkchen festhalten wie der Efeu. Dieser gehört zu der botanischen Familie der Radikanten, die ihre Wurzeln im Maße ihrer Ausbreitung wachsen lassen, im Gegensatz zu den Radikalen, deren Entwicklung durch ihre Verankerung im Boden bestimmt wird." (51)
"Der Radikant kann sich, ohne Schaden zu nehmen, seine Primärwurzeln abhacken und sich neu akklimatisieren: es gibt keinen einmaligen Ursprung, sondern aufeinander folgende, simultane oder sich überkreuzende Verwurzelungen. Während radikale Künstler zu einem Ursprungsort zurückkehren wollen, machen sich die radikanten auf den Weg, ohne einen Ort zu haben, zu dem sie zurückkehren können [...]" (52)
Der Radikant bewohnt bestehende Strukturen: es mietet sich in vorhandene Formen ein, "auch wenn sie dadurch mehr oder weniger stark verändert werden. Das kann auch die Skizierung eines kalkulierten Umherschweifens bedeuten, bei dem ein Künstler jede Zugehörigkiet zu einer festen Raumzeit und jede Zuweisung zu einer identifizierbaren und unumstößlichen ästhetischen Gattung ablehnt." (58)
Rhizom: hat weder Subjekt noch Objekt - Radikant: beinhaltet ein Subjekt, das allerdings sich nicht in einer stabilen und in sich selbst gefestigten Identitä erschöpft
Rhizom: Idee der Subjektivierung - Radikant: Konstitution einer Idenität in fine möglich und zwar als ein vorübergehendes Resultat des Durchquerens und Umherschweifens


Bildquelle >>



Auratische Werkobjekte und symbolische Repräsentationen transformieren zu offenen und dynamischen, mit Anschlussfähigkeit ausgestatteten und auf Operativität ausgerichtete Handlungsfeldern, zur n-dimensionierten "Arena des Handelns" (Weibel).
"Werk" --> Projekt, Prozess, Work in Progress, Handlungen, Eingriff, Echtzeitereignis
Von ROM-art (read only material) zu RAM-art (radical active material).
- temporäre, prozessuale und dynamische Ergebnisse
- von den Beteiligten nur teilweise zu beeinflussen und nur teilweise intendiert
- verschiedene Medien, Materialien, Gattungen, Genres...

- Komplexitätsreduzierte, einsame, isolierte und segmentierte Einzelwerke (Kemp) transformieren zu höherkomplexen Modellsystemen, die sich raum-zeitlich und dynamisch vernetzend strukturieren.
- Zu beobachten ist eine Entwicklung zu realen Systemen und zu komplexen, vernetzten Systemen von großer Erscheinungsvielfalt.
- Die für die komplexitätsreduzierten, einsamen, isolierten und segmentierten Einzelwerke entwickelten Instrumentarien werden um jene erweitert, die auch für höherkomplexe Systeme geeignet sind.
- Zu registrieren sind Übergange zu Komplexität, systemischen Überlegungen und Netzwerktheoretisierungen.



10.5.2012

1. Ein weiteres Beispiel aus der Botanik
2. Fallbeispiele aus der Kunst
3. Hacking als künstlerische Technik



"The process of tying two items together is the important thing."
Vannevar Bush 1945: As we may think >>

Beispiele:
Deleuze/Guattari 1980: Mille Plateaux (Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 1992)
2-3 Strassen, Jochen Gerz, 2010 >>
Arno Schmidt 1970: Zettel's Traum

Bildquelle >>



The Yes Men >>
- The Yes Men Fix The World >>
- WTO, 1999 >> , about >>
- NYTimes, 2008 >>

- The Yes Lab >>



ubermorgen, seit 1999 >>
Vote Auction, 2000-2006 >> , Originalseite >>



Cornelia Sollfrank
- Female Extension 1997 >>
- Liste der 289 virtuellen Netzkünstlerinnen >>
- OBN: Cyberfeminismus, seit docX, 1997 >>



01.org, seit 1999 >>
Nike Ground, 2003
Projekt >>
Website >>



Einsatz folgender Strategien:
- Aneigung
- Desinformation
- Collage
- Ironische Inversion
- Unterwanderung
- Überraschung
- Irritation
- Entwendung
- Umfunktionierung
- situationistische Detournement und Recuperation
- Tactical Embarrassment

Erste Beobachtungen:
- keine Identifizierung, keine Autorenschaft
- kein Rechts- bzw. Urheberschutz
- keine Honorierung in ökonomischer Kapitalform, stattdessen in kultureller und sozialer Kapitalform, jedoch nur eingeschränkt (Bourdieu 1982: Die feinen Unterschiede)
- keine Warenförmigkeit (des Industriezeitalters)
- kein (ausstellbares, handelbares, inventarisierbares...) Kunst-Produkt

Erste Systematisierungen:
- Hacks wirken transversal, d.h. quer zu den Systemen, bedeutet, dass sie nicht einem einzigen System wie z.B. der Politik oder Kunst zuzuschlagen sind
- Hacks wirken transitiv, d.h. dass sie die Systeme durchlaufen, bedeutet, dass sie durch die verschiedenen Funktionssysteme wie die Politik, das Design, die Wirtschaft, die Technologie etc durchqueren
- Hacks sind flüchtig (transitorisch), d.h. dass sie eben nicht als ein gegenständliches Endprodukt, sondern vielmehr als ein Prozess auftreten
- Hack agieren mit unvorhersagbarer Wirkung, d.h, obwohl sie zielgerichtet eingesetzt werden, trägt ein Hack das Risiko, auch kontraproduktiv zu wirken



Phishing >>
Daten-Hack Epsilon, 3.4.2011 >>
Daten-Hack Esa, 19.4.2011 >>
Daten-Hack Sony Playstation-Network und Qriocity, 27.4.2011 >> , >> und >>
Syrien: Opposition hackt Regierungsseiten, telepolis, 29.4.2011 >>
"Datenaffäre" Apple iPhone, 26.4.2011 >>
iPhone Tracker >>
DoS Gema, 20.6.2011 >>
Apple Hack, 4.7.2011
Fox News, Twitter-Hack 4.7.2011
Zoll, 7.7.2011 >>
Anonymous @ re:publica 2012 >> , Video >>



HACKER (Wikipedia) >>
Jargon-File >>
Hacker (Jargon-File) >>
hacker: [originally, someone who makes furniture with an axe]

"The hacker mind-set is not confined to this software-hacker culture. There are people who apply the hacker attitude to other things, like electronics or music - actually, you can find it at the highest levels of any science or art. Software hackers recognize these kindred spirits elsewhere and may call them 'hackers' too - and some claim that the hacker nature is really independent of the particular medium the hacker works in."
Eric S. Raymond, How To Become A Hacker, 2001 >>

Creating Social Media, Goldsmiths London
Offizielle Webseite >>
Inoffizieller Developer's blog >>

"Hackers build things, crackers break them."
"Hackers solve problems and build things, and they believe in freedom and voluntary mutual help."
Eric S. Raymond, How To Become A Hacker, 2001 >>
in deutscher Uebersetzung von Christopher Özbek >>

Cracker (Jargon-File) >>

Security ethics, Manufacturers of computer systems should welcome researchers' efforts to find flaws. Editorial, Nature 463, 136, 14 January 2010 >>
Respekt: 'Nature' meint: Hacker sind Forscher. Die guten jedenfalls, Christoph Drösser, 25.1.2010 >>



HACKER ETHIK
hacker ethik (Jargon-File) >>
Hackerethik, CCC >>
Pekka Himanen, Die Hacker-Ethik und der Geist des Informations-Zeitalters, München, 2001. >>
- Arbeitsethik
- Geldethik
- Nethik
- 7 Werte der protestantischen Ethik: Geld, Arbeit, Optimalität, Flexibilität, Stabilität, Entschlossenheit und der Nachweis von Ergebnissen
- 7 Werte der Hacker-Ethik: Leidenschaft, Freiheit, sozialer Wert, Offenheit, Aktivität, soziale Verantwortung, Kreativität

The Hacker ATTITUDE (Raymond, 2001 >> )
1. The world is full of fascinating problems waiting to be solved.
2. No problem should ever have to be solved twice.
3. Boredom and drudgery are evil.
4. Freedom is good.
5. Attitude is no substitute for competence.



HACK (Jargon-File)
"Hacking might be characterized as 'an appropriate application of ingenuity'. Whether the result is a quick-and-dirty patchwork job or a carefully crafted work of art, you have to admire the cleverness that went into it." >>

Cramer 2001: Drei sich z.T. widersprechende Definitionen des Hacks >>
Ein Hack sei 1. eine wirkungsvolle, schnell, aber unsauber implementierte Funktion, 2. eine "genial-einfache und zugleich elegante Lösung", die eine komplexe Problematik kurz und knapp absorbiert (einem Witz vergleichbar), 3. eine durch Experimentieren statt durch Analyse gefundene Lösung eines Problems.

- wirkungsvoll
- schnell
- gezielte und minimale Änderung oder Erweiterung
- verblüffend einfach
- elegant oder aber unschön oder auch unsauber implementiert
- temporär oder nachhaltig
- auf jeden Fall einfallsreich, scharfsinnig, experimentell
- taktisch



Michel de Certeau, Die Kunst des Handelns, Berlin, 1988 (frz. 1980)
"Als 'Strategie' bezeichne ich eine Berechnung von Kräfteverhältnissen, die in dem Augenblick möglich wird, wo ein mit Macht und Willenskraft ausgestattetes Subjekt (ein Eigentümer, ein Unternehmen, eine Stadt, eine wissenschaftliche Institution) von einer 'Umgebung' abgelöst werden kann. Sie setzt einen Ort voraus, der als etwas Eigenes umschrieben werden kann und der somit als Basis für die Organisierung seiner Beziehungen zu einer bestimmten Außenwelt (Konkurrenten, Gegner, ein Klientel, Forschungs-'Ziel' oder -'Gegenstand') dienen kann." (23)
"Als 'Taktik' bezeichnet ich demgegenüber ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann und somit auch nicht mit einer Grenze, die das Andere als eine sichbare Totalität abtrennt. Die Taktik hat nur den Ort des Anderen. Sie dringt teilweise in ihn ein, ohne ihn vollständig erfassen zu können und ohne ihn auf Distanz halten zu können. Sie verfügt über keine Basis, wo sie ihre Gwinne kapitalisieren, ihre Expansionen vorbereiten und sich Unabhängigkeit gegenüber den Umständen bewahren kann. Das 'Eigene' ist ein Sieg des Ortes über die Zeit. Gerade weil sie keinen Ort hat, bleibt die Taktik von der Zeit abhängig; sie ist immer darauf aus, ihren Vorteil 'im Fluge zu erfassen'. Was sie gewinnt, bewahrt sie nicht. Sie muss andauernd mit den Ereignissen spielen, um 'günstige Gelegenheite' daraus zu machen." (23)

Hakim Bey, T.A.Z., Die temporäre autonome Zone, 1994 (engl. 1991) >>
Hakim Bey, P.A.Z., Permanente Autonome Zonen, 1993 >>





Politisches Theater, Peter Laudenbach, 9.5.2012, Süddeutsche >>








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