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Vortrag Dr. Birte Kleine-Benne
Konnektive. Transformierte Autorenschaften in netzwerk-basierten Umgebungen



12. Juli 2011, basis e.V. Frankfurt >>







Können wir uns, wie Foucault, "eine Kultur vorstellen, in der Diskurse verbreitet oder rezipiert würden, ohne dass die Funktion Autor jemals erschiene"?
Und würde, wie er denkt, die Autorfunktion in eben jenem Moment verschwinden, "während sich unsere Gesellschaft ändert"?
Wäre das die Überwindung einer Kultur, die, wie Barthes anklagt, die Literatur tyrannisch auf den Autor und seine Person beschränkt?
Ist, fragt Woodmansee, angesichts der multiplen Verfasserschaften, die sich durch den Einsatz elektronischer Technologien beschleunigten, die Illusion, Schreiben sei ein singulärer und originärer Prozess, noch länger zu halten?
Lösen der Computer und seine Derivate jene Konturen auf, die für das Überleben der Fiktion eines Kunstproduzenten als alleinigem Schöpfer essentiell sind?
Unterlaufen Hypertexte, wie Rifkin annimmt, eines der zentralen Grundmuster des Bewusstseins', das wiederum eng mit dem Buchdruck zusammenhängt, nämlich die Idee des individuellen Autoren, der seine Schöpfungen als geistiges Eigentum besitzt?
Wie ist angesichts der gemeinschaftlichen Arbeitsprozesse in den Natur- und Sozialwissenschaften, in der Wirtschaft und Politik überhaupt die Dominanz des Modells eines singulären und individuellen Produktionsaktes in den Geisteswissenschaften und in den Künsten zu erklären?
Diese und andere Fragen sollen im Zusammenspiel mit der Vorstellung konkreter künstlerischer Arbeiten Thema meines Vortrags und einer anschließenden gemeinschaftlichen Diskussion sein...







1. Künstlerische Beispiele
2. Veränderte Physiognomien
3. Veränderte Autorenschaften
4. Veränderte Subjekte/Subjektivierungen
5. Zukunftsaussichten




etoy.CORPORATION, seit 1994 >>

"...the next form of shared authorship far away from the naive illusion of the genius artist. ... The organizational sculpture must evolve." etoy.ZAI, 20.6.2009

etoy.SHARES >>



Wachter/Jud, Zone Interdite, seit 2000 >>

Wachter/Jud, picidae, seit 2007 >>



Hacks der letzten Wochen:
Epsylon, ESA, Sony, Regierungsseiten Syriens, Gema (Stellungnahme >> ), Apple, Fox News, CIA, deutscher Zoll...
"The second quarter of 2011 was one of the worst on record in terms of successful hacks and breaches of organizations" >>

"hacker: [originally, someone who makes furniture with an axe]"
The Jargon-File >>

"The hacker mind-set is not confined to this software-hacker culture. There are people who apply the hacker attitude to other things, like electronics or music - actually, you can find it at the highest levels of any science or art. Software hackers recognize these kindred spirits elsewhere and may call them 'hackers' too - and some claim that the hacker nature is really independent of the particular medium the hacker works in."
"Hackers build things, crackers break them."
"Hackers solve problems and build things, and they believe in freedom and voluntary mutual help."
Eric S. Raymond, How To Become A Hacker, 2001 >>

Neuer MA Creating Social Media am Goldsmiths London >>
Inoffizieller Developer's blog >>

--> No-Name-Crew, Anonymous, LulzSec



Veränderte Physiognomien

Auratische Werkobjekte und symbolische Repräsentationen transformieren zu offenen und dynamischen, mit Anschlussfähigkeit ausgestatteten und auf Operativität ausgerichtete Handlungsfeldern, zur n-dimensionierten "Arena des Handelns" (Weibel).
Werkobjekt der Moderne --> Projekt, Prozess, Work in Progress, Handlungen, Eingriff, Echtzeitereignis:
--> Von ROM-art (read only material) zu RAM-art (radical active material).



Der idealtypische, auf (s)ein Auge reduzierte Rezipiententypus (O'Doherty) transformiert zum involvierten Teilnehmer, Akteur und Mitschöpfer, zum (inter-)aktiven Nutzer, Forscher oder Explorierenden.
Formen der Reaktion, Interaktion, Partizipation und Kollaboration
--> Von ROMs (read only members) zu RAMs (radical active members).


Antoni Muntadas, 1999.

Charles Leadbeater, We Think, 2008: "The audience is taking the stage..."
C. Leadbeater, Anleitung zum Selbermachen, 06/2007, brand eins >>



Das Künstlersubjekt verabschiedet sich von seiner singulären Autoren- und Urheberschaft und tritt in einem Verbund mit anderen Autoren, in multiplen und pluralen Autorenschaften z.B. als Kollektiv oder Konnektiv auf:
- Autorenschaften sind nicht mehr zuordbar oder treten (noch) in geteilten Formen auf
- Sie werden mittels Sammelbegriffe gelabelt, hinter denen die Beteiligten zurücktreten und/oder sich mittels Aliase multiplizieren:
Atelier van Lieshout, Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (CIRCA), Critical Art Ensemble, Dunst, etoy, GeheimRat, Guerilla Girls, Irwin, Luther Blissett, monochrom, Neue Slowenische Kunst, Old Boys Network, Park Fiction, Raqs Media Collective, RTMark, Rimini Protokoll, RTMark, Superflex, Wochenklausur, Wu-Tang Clan

outside the box from joseph Pelling on Vimeo.





Veränderte Autorenschaften

"...der Geniekultur ist glücklicherweise am Abserbeln. Die Vorstellung vom Künstler, der ganz aus sich heraus arbeitet, ist ein Witz. Künstlerische Produkte sind oft Gruppenarbeiten..." (Pipilotti Rist 1999)

Woodmansee, Martha 1992: Der Autor-Effekt. Zur Wiederherstellung von Kollektivität.
Stellt der singuläre Autor mit dem ihm zugesicherten Urheberrecht eine nur zwischenzeitliche Episode in Form der modernen (Buchdruck-)Gesellschaft dar?

Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz), Ausfertigungsdatum: 09.09.1965 >>

Schreib- und Musikmilieu des Mittelalters, Bauhütten im Mittelalter, Werkstätten, Ateliers der Renaissance, Malschulen, Künstlerkolonien etwa in Barbizon, Pont-Aven, Berlin, Darmstadt, Drispeth, Dötlingen, Kronberg, Nidden, Dachau, Worpswede, Goppeln, Murnau..., die Nazarener, die Sezession, die Fauvisten, die Brücke, der Deutsche Werkbund, die Futuristen, die Blauen Reiter, die Dadaisten, Konstruktivistische Internationale, De Stijl, das Bauhaus, die Surrealisten, die Blauen Vier, die Lettristen, COBRA, Quadriga, die Gruppe 53, ZERO, Spur, Wir, Geflecht, die Situationisten, Gutai, Fluxus...

Barthes, Roland 1967: Der Tod des Autors.

Foucault, Michel 1969: Was ist ein Autor?
"Man kann sich eine Kultur vorstellen, in der Diskurse verbreitet oder rezipiert würden, ohne dass die Funktion Autor jemals erschiene."
"Ich glaube, dass, während sich unsere Gesellschaft ändert, in eben dem Moment, in dem sie dabei ist, sich zu ändern, die Autorfunktion verschwinden wird, und zwar in solch einer Weise, dass Fiktion und ihre polysemen Texte wiederum nach einem anderen Modus funktionieren werden, aber immer noch innerhalb eines Systems von Einschränkungen - eines, das nicht länger der Autor ist, sondern eines, das noch festgelegt werden muss oder vielleicht erfahren."



Veränderte Subjekte/Subjektivierungen

Michael Hardt, Antonio Negri 2002: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/Main (eng. 2000).
"Produzieren bedeutet zunehmend, Kooperation, Kommunikation und Gemeinsamkeiten herzustellen." S. 312
Michael Hardt, Antonio Negri 2004: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt/Main (eng. 2004).
"[...] Singularitäten, die gemeinsam handeln" S. 123
Michael Hardt, Antonio Negri 2010: Commonwealth, Frankfurt/Main (eng. 2010).

Rifkin, Jeremy 2010: Die empathische Zivilisation, Frankfurt/Main (eng. 2009).
Rifkin, Jeremy 2000: Access. Das Verschwinden des Eigentums, Frankfurt/Main (eng. 2000).

Virno, Paulo 2002: Grammatik der Multitude, Berlin.
"...die Pluralität, die Vielheit - wörtlich: Viele-Sein [...]. Nun, die Multitude besteht aus einem Netzwerk von Individuen; die Vielen sind Singularitäten."

"With new information technologies - especially the Internet - it is now possible to harness the intelligence of huge numbers of people, connected in very different ways and on a much larger scale than has ever been possible before."
Thomas W. Malone, MIT Centre for Collective Intelligence, 2006: What is collective intelligence and what will we do about it? >>


Peter Kruse >> (Weiteres hier >> ) im Gespräch mit DNAdigital zu Collective Intelligence, 15.1.2009



Latour, Bruno 2007: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie.

--> Konnektive in der Kunst...
Quelle: Kleine-Benne, Konnektive, gesichtet im Kontext gegenwärtiger Formenwechsel, 2010 >>
- heterogene, temporäre, dynamische, trajektiv ausgerichtetete Verknüpfungen menschlicher und technischer Akteure
- bestimmt von netzwerkbasierten, heterarchisch verteilten Dispositiven
- Verschaltungen und Rückkopplungen produzieren permanent neue und von den Beteiligten nur teilweise intendierte oder zu beeinflussende Ereignisse
- Konnektive Aggregationen werden mittels, in und über instantane, polychrone und translokale Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien entworfen und hergestellt
- Mediale Prozesse, Informationen, Mitteilungen, soziale Beziehungen... verschmelzen miteinander zu einer prozessualen und temporären Dynamik

Kollektive: Ansammlung einzelner Personen, die bevorzugt auf analogem Territorium miteinander interagieren (eine Nutzung der Potentiale der Informations- und Kommunikationstechnologien ist dabei keineswegs ausgeschlossen), im systemtheoretischen Sinne autopoietische Systeme in Abgrenzung zu ihrer Umwelt formieren, dabei zielgerichtet zu deren Ausdifferenzierung und damit zu deren Erhalt und Bestand beitragen.
Konnektive existieren zwingend in und mit technischen Umgebungen, beziehen demnach immer digitale Territorien ein und werden über instantane, polychrone und translokale Kommunikations- und Kooperationsm√∂glichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien, der CMC (computer-mediated communication), entworfen und hergestellt.

Kollektiv vrs. Konnektiv
- Empirische Beispiele: Soziale Systeme, Gruppen, Klassen, Organisationen - techno-soziale Systeme bzw. Netze und Netzwerke, just-in-time-on-line-on-demand connective intelligence networks
- Dynamik: grenzziehend und grenzerhaltend - transitiv (durchquerend), transitorisch (flüchtig), transversal (quer laufend)
- Effekte: ausdifferenzierend und kulturbestätigend - ent- und ausdifferenzierende, machtverschiebend, kulturverändernd
- Ergebnisse: zielorientiertes Ergebnis - permanent neue, von den Beteiligte nur teilweise zu beeinflussende Ereignisse
- Grenze: operativ geschlossen - operativ offen
- Handlungsausrichtung: gemeinsames programmatisches Ziel - Rückkopplungssysteme
- Handlungsformen: konzentriert, in Echtzeit, lokal - verteilt, translokal, polychron
- Innen-/Aussenverhältnisse: Asymmetrische Unterscheidung zwischen System und Umwelt - Parzellierung der Welt
- Kommunikationskan√§le: Mündliche und schriftliche Kommunikation - CMC gestützt, instantan, translokal, polychron: vornehmlich schriftliche Kommunikation
- Komponenten: punktuelle Ereignisse - Relationen
- Komplexität: Komplexitätsreduzierung zum Systemerhalt, Komplexität als Risikofaktor - Komplexitätssteigerung
- Kontext: lokale Kontexte - dynamische, temporäre Kontexte
- Möglichkeitsräume: gleichbleibend - variabel
- Operationsmodus: autopoietisches System - Auto- und heteropoietisches System
- Veränderbarkeit: relativ stabil, längerfristig und strategisch aufgestellt - Kontinuierliche Permutation (an einem anderen Ort, mit neuen Energien, neuem Namen, neuer Konstellation) oder Transkodierung
- Zielsetzung: Erhalt, Bestand - Bewegung, Aktion
- Zustand: relativ stabil - dynamisch, expandierend, variabel, temporäre Kopplungen und Rückkopplungen

Weiteres >>

Beispiele:
Atelier van Lieshout, Critical Art Ensemble, Dunst, etoy, GeheimRat, Luther Blissett, monochrom, Raqs Media Collective, RTMark, Rimini Protokoll , RTMark, Superflex...



Zukunftsaussichten

"Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks." (Baecker 2007, S. 7)

Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt/Main, 2007.
Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main, 1997.

Tod durch Multitasking, 17.1.2011, spiegel online >>


Vier Medienepochen der Gesellschaft:
- die Stammesgesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Einführung der Sprache,
- die antike Hochkultur in der Auseinandersetzung mit der Einführung der Schrift,
- die moderne Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Einführung des Buchdrucks und
- die nächste Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit der Einführung des Computers und seiner Derivate.
(Baecker 2007)

Film Next City from Graz Reininghaus on Vimeo.



Die Next Society wird sich "in allen ihren Formen der Verarbeitung von Sinn, in ihren Institutionen, ihren Theorien, ihren Ideologien und ihren Problemen, von der modernen Gesellschaft unterscheiden". (Baecker 2007, S. 8), ausserdem: Infrastrukturen, Speicherung und Gedächtnis...




Vilém Flusser: Krise der Linearität, Bern, 1988.

"Hypothese: Die hier zu unterbreitende Hypothese lautet: Die okzidentale Kultur ist ein Diskurs, dessen wichtigste Informationen in einem alphanumerischen Code verschlüsselt sind, und dieser Code ist daran, von anders struktierten Codes verdrängt zu werden. Falls die Hypothese zutreffen sollte, dann wäre in naher Zukunft mit einer tiefgreifenden Veränderung unserer Kultur zu rechnen. Die Veränderung wäre tiefgreifend, weil unser Denken, Fühlen, Wünschen und Handeln, ja sogar unser Wahrnehmen und Vorstellen, in hohem Grad von der Struktur jenes Codes geformt wird, in welchem wir die Welt und uns selbst erfahren. [...] Sollten unsere Kinder und Enkel die Welt und sich selbst mittels anders struktierierten Codes (etwa mittels technischen Bildern wie Fotos, Filmen und Fernsehen, und mittels Digitalisation) erfahren, dann wären sie anderes in der Welt als wir es sind und als es unsere Vorfahren waren." (Flusser 1988, S. 7)

Jeremy Rifkin: Access. Das Verschwinden des Eigentums, 2000 (engl. 2000).

Maurizio Lazzarato, Europäische Kulturtradition und neue Formen der Produktion und Zirkulation des Wissens, 1999 >>

"All media work us over completely. They are so pervasive in their personal, political, economic, aesthetic, psychological, moral, ethical, and social consequences that they leave no part of us untouched, unaffected, unaltered. The medium is the massage. Any understanding of social and cultural change is impossible without a knowledge of the way media work as environments."
McLuhan/Fiore 2001, S. 26.

Marshall McLuhan: Magische Kanäle, Düsseldorf/Wien, 1968 (eng. 1964).
"Es ist wie ein Unterschied zwischen einem Eisenbahnnetz und einem elektrischen Gitternetz: Das eine macht Kopfbahnhöfe und große Städtezentren erforderlich. Die elektrische Energie, die dem Bauernhof wie den Verwaltungsbüros in gleicher Weise zur Verfügung steht, macht es möglich, dass jeder Ort zum Zentrum wird, und verlangt keine massiven Anhäufungen."




Dan Perjovschi, Kunstverein Hamburg, 2010.







Anhang:
The exploding Internet 2008 >>
2011: 51,7 Millionen Deutsche online: 73,3 Prozent der Bevölkerung (2010: 69,4%) >> , davon 80,2% in Brehmen (max.), 64,2% in Sachsen-Anhalt (min.)>>
Internetindustrie 2011 in D: 100 Milliarden eur Umsatz, 330.000 Beschäftigte >>















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